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Hawaii-Ironman
1999
Ein Traumbericht von Artur Menzler
Mit dem Flug auf die andere Seite des Erdballs
beginnt die erste Ausdauer-Leistung zum HAWAII-IRONMAN 1999 :
26 Std. Reisezeit beträgt der Einsatz für meinen Traumbesuch
im Paradies. Einige Tage Anpassung sind erforderlich, um das
Training der Hitze und hohen Luftfeuchtigkeit anzupassen. 14
Tage läuft der Countdown bis zum bedeutendsten
Triathlon-Ereignis der Welt : IRONMAN-World-Championship am
23.10.1999.
Die Spannung steigt, täglich sieht man berühmte Triathlon-Stars, es
knistert an allen Ecken und Enden und jeder spürt die in der
Luft liegende Wettkampf-Nervosität. Kaum einer, der hier auf
Big Island nicht vom Big Race Day spricht.
Die überaus freundliche und sportbegeisterte hawaiianische
Bevölkerung trägt zur prickelnden Atmosphäre bei. Beim
morgendlichen 7 Uhr-Schwimmtraining quer durch das tiefblaue
Meereswasser des herrlich sauberen Pazifik gewöhnt man sich
langsam auch an die ungewohnten Wellen und das Salzwasser.
Nach dem Frühstück folgen Rad-Ausritte durch die heiße
Lava-Wüste von Big Island, der größten der hawaiianischen
Vulkaninseln. Über 9.700 m Höhe (4.200 m über und 5.500 m
unter Wasser) erreicht hier der Mauna-Kea-Vulkan, die höchste
Erhebung der Welt. Auch das Lauftraining über flimmernd-heiße
Asphalt-Pisten bringt mich mit jedem Tag dem großen Wettkampf
näher.
Die Zeit vergeht im Flug: Große Nationen-Parade durch Kailua-Kona
(Deutschland mit über 200 Teilnehmern die größte ausländische
Mannschaft), ausgiebige Wettkampfbesprechung in den
verschiedenen Landessprachen und riesige Pasta-Party mit
Carbo-Loading unter freiem Himmel.
Um 4 Uhr früh bricht für mich am Samstag der wichtigste
Wettkampftag des Jahres an. Hierauf habe ich mich in schier
endlosen Stunden mit immer wieder erneutem Trainings-Fleiß gut
1 Jahr vorbereitet. Beim IRONMAN in Roth war es letzten Juni
dann so weit : Qualifikation zur Weltmeisterschaft über die
Langdistanz. 50.000 Triathleten aus aller Welt kämpfen
jährlich um 1.500 Quali-Plätze auf Hawaii.
Hier ist die Weltelite am Start und das bekomme ich schon um 7 Uhr
im Meer zu spüren. Nach einem herrlichen Sonnenaufgang und
befreiendem Startschuss wird das Wasser aufgepeitscht, als
wenn 1.500 Pommes Frites auf einmal ins heiße Fett geworfen
würden. Ich ernte Hiebe und Tritte von allen Seiten und
beherrsche mich, ruhig und gelassen meine Schwimmspur zu
finden. Dabei verfliegt die Zeit - nach ca. 1000 m kann ich
einigermaßen gleichmäßig schwimmen - und schon jubeln uns vom
großen Segelschiff an der Wendemarke mitten im Meer eine Menge
Zuschauer zu. Beim Rückweg knubbelt es sich noch mal, doch
dann geht es zügig auf den jetzt schon im Blickfeld liegenden
Hafen zu.
Nach 1:23 Std. und knapp 3900 m entsteige ich schwankend den
Wellen und laufe durch die Süßwasser-Dusche auf die
Umkleidekabine zu. Meine Radsachen und Getränk zur
Salzwasser-Mundspülung werden angereicht und schon schiebt mir
ein Helfer mein Rad entgegen. Die Organisation und
Unterstützung von ca. 7.000 Helfern ist beispielhaft.
Locker kann ich es auf dem Rad nicht angehen lassen; denn
durch ein jubelndes Zuschauer-Spalier geht es sofort die
Palani-Road 500 m mit ca. 8 % Steigung hoch. Und da sind auch
schon meine anfeuernde Lebensgefährtin Gisy und meine Freunde,
die mich bis nach Hawaii begleitet haben.
Jetzt gilt es nur, den ruhigen und runden Tritt durch die
Lava-Landschaft zu finden. Es ist 8:30 Uhr und die Hitze
steigt minütlich. Wer hier nicht konsequent mindestens 1 Liter
Elektrolyte stündlich trinkt und auch das Essen nicht
vergisst, wird gnadenlos zurückfallen.
Eine einsame, schwarze Rennpiste folgt. Nach 2 Std.
habe ich 65 km auf der endlosen, hügeligen Geraden abgespult.
Eine schnelle Abfahrt folgt und auf der kilometerlangen, nicht
enden wollenden Steigung zum Wendepunkt nach Hawi schrumpft
meine Durchschnittsgeschwindigkeit erschreckend. Jetzt rasen
mir auch schon die Führungsfahrzeuge und die Spitzen-Profis
entgegen.
Der gefürchtete Mumuku - ein schneidend-heißer Gegen-
und Seitenwind- nagt mehr und mehr an meinem Nervenkostüm.
Doch : Ruhe bewahren, alter Junge - rede ich mir ein - die
Bedingungen sind für alle gleich hart. So, endlich ein paar
Häuser, anfeuernde Hawaiianer und der ersehnte Wendepunkt. Von
da an gilt es einige Stretching-Übungen bei hohem
Abfahrts-Tempo auf dem Rad zu absolvieren.
Nun nur noch mal über
die selben Lava-Hügel zurück. Meine Freunde feuern mich an der
Abzweigung an. Danach bin ich wieder stundenlang mit mir
selbst, meinem inneren Widersacher, einer endlosen
Schnurgeraden mit Hügeln und dem jetzt immer stärker blasenden
Gegenwind beschäftigt. Ich kralle meinen Lenker fest, damit
mich der Mumuku nicht noch seitlich vom Rad fegt.
Immer wieder Konkurrenten, an denen ich vorbei fahre
und einige auch an mir. Zweimal muss ich wegen unerwarteter
Raddefekte anhalten; kann mir aber jedesmal schnell selbst
helfen.
Ich bestimme meinen eigenen Tempo-Rythmus, halte den
vorgeschriebenen Windschatten-Abstand ein und rolle nach 170
km wieder in das mit Zuschauern überfüllte Kailua-Kona ein.
Hier laufen mir auch schon Luc van Lierde, der später
siegreiche Weltmeister und seine Verfolger entgegen. Nach 179
km noch mal eine knallharte 12 % Steigung; danach flach und
bergab zum Beine ausschütteln.
Ich freue mich auf den Marathon! Frenetischer
Beifall in der Wechselzone nach 182 km am Kona-Surf, den ich
leider viel zu schnell auch schon laufend hinter mich bringen
muss. Konzentration ist erneut (nach 7:37 Std.) angesagt; denn
sofort geht es knüppelhart 500 m bergauf, danach steil bergab
und - muss das denn sein? - wieder hoch!
Zum Glück feuert mich hier meine Lebensgefährtin an, an die
ich mich leider nur mental klammern kann. Sie baut mich
beruhigend auf und langsam finde ich auf dem schwül-heißen
Alii-Drive meinen gewohnt lockeren Laufstil zurück. Geht -
oder besser: läuft doch, alter Haudegen, rede ich mir ein.
In Kona tippele ich die Hualalai- und Palani-Road bis zum ersten
Wendepunkt hoch. An den im Meilenabstand folgenden
Verpflegungsstellen halte ich mich nicht lange auf und achte
auf reichlich Getränke- und Nahrungs-Versorgung. Wie ich
später jedoch in den Büschen erfahren muss, habe ich diesmal
zu viel des Guten getan.
Ein absoluter Tiefpunkt folgt wie ein Keulenschlag. Gisy
beruhigt mich und spornt mich gleichzeitig mit psychologisch
geschultem Gespür an. Jetzt nur nicht an die restlichen 25 km
denken - nur laufen!
Eine Menge Spitzen-Athleten kommen mir auf dem never-ending
Kailua-Highway entgegen. Beneidenswert junge Sportler, sage
ich mir. Auch die ersten Frauen Lori Bowden, Karen Smyers und
Fernanda Keller rasen mir entgegen.
Da endlich der Abzweig zum Natural-Energy-Lab. Doch bis zum
zweiten Wendepunkt sind es noch mal ca. 4,5 endlose Kilometer.
Zum Glück ist es jetzt bewölkt; aber anhaltend schwül. Ich
denke an meinen Qualifikations-Wettkampf in Roth, der dagegen
fast ein Spaziergang war. Nach dem Wendepunkt geht es für mich
-leider im wahrsten Sinne des Wortes- erneut bergauf und ich
muss einige Pausen einlegen.
Um 18 Uhr wird es dann urplötzlich dunkel und man hängt uns
an den Verpflegungs-stellen chemische Glühwürmchen um.. Ich
erkenne dadurch nach der Einbiegung auf den Kailua-Highway
Heinz Robertz, den ich erfreut anfeuere. Ein einziger
Handschlag im Entgegenlaufen verbindet hier neue
Freundschaften, die unauslöschbar werden.
Nachdem ich meinen überfüllten Magen geleert habe, versuche
ich es vorsichtig mit kleinen Cola-Schlucken. Und da läuft es
plötzlich wieder. Nur noch 10 km. Verging doch alles wie im
Kurz-Wettkampf, beruhige ich mich und schwöre mir
innerlich:Jetzt nur noch durchlaufen. Auch an den
Verpflegungsstellen bleibe ich jetzt nicht mehr stehen. Ich
fühle mich matt, aber erleichtert und kann mein Tempo noch
erhöhen. Also habe ich doch nicht umsonst trainiert.
Noch mal anfeuernde Rufe meiner Freunde aus dem Dunkeln. Beim
Bergablaufen in Kona baut es mich noch mal auf, an einem
jungen Athleten vorbeizulaufen. Ich peitsche mich im Geiste
selber an und träume schon von Massage, Dusche und Getränk
nach dem Ziel. Da ist auch schon der abgesperrte
Zieleinlauf-Kanal.
Zahllose Zuschauer treiben mich schreiend nach vorn. Es ist
unbeschreiblich. Stundenlange Mühe wird hier auf
unvergesslichen 600 m Zieleinlauf 1000fach belohnt. Ich lache
diese letzten 3 Minuten unaufhörlich bis an die Ohren. Selbst
eine Hawaiianerin, die wir hier kennenlernten, jubelt mir
meinen Namen entgegen.
Im Ziel stehen mir die Freudentränen in den
Augen. Die Zeit? Völlig egal! In Hawaii heißt es nur: „Finisher“.
Jetzt verstehe ich auch die hawaiianische Weisheit: No Rain -
no Rainbow. In der herrlich-frischen Abendluft liege ich bei
einem hawaiianischen Masseur auf der Bank, über mir ein
Panorama-Foto aus dunkelblauem Himmel und braun-grünen
Palmen-Wipfeln.
Ich bin erfüllt von meinem 12:04 Stunden-Tagestraum. Oder ist
es tatsächlich die Realität? John besteht darauf, dass ich ihm
ein Autogramm auf den Rücken seines Masseurhemdes schreibe:
Hawaii-Ironman 99-my dream came true-Artur Menzler.
Mettmann, 29.10.1999
Artur Menzler
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